Trainer*innenwissen

Der Spielbeschleuniger

Marc-Patrick Meister gibt Einblicke in das Konzept

Dynamik auslösen und einen Angriff beschleunigen zu können, um so Treffer vorzubereiten, ist eine wesentliche Komponente individueller Qualität. Mit welchen Elementen es gelingt, den Gegner zu bedrohen, und wie diese ganzheitlich geschult werden können, erläutert U15-Nationaltrainer Marc-Patrick Meister im BDFL Journal. Sein Konzept zur Spielbeschleunigung ordnet er in die Trainingsphilosophie Deutschland ein und zeigt, wie es mit einfachen Regeln in kleinen Spielformen möglich ist, diese Fähigkeit zu schulen.

    • U15-Nationaltrainer beim DFB 
    • UEFA-Pro-Lizenz Inhaber
    • Langjähriger Nachwuchstrainer in den Leistungszentren von Borussia Dortmund, des Hamburger SV und beim Karlsruher SC
    • Auslandsstation beim südkoreanischen Erstligisten Ulsan Hyundai

Kontext: Trainingsphilosophie Deutschland

Über allem steht die Entwicklung individueller Qualität. Ausschlaggebend dafür sind viele Wiederholungen. Kleine Spielformen wie das 3 gegen 3 sorgen für mehr Ballaktionen, Zweikämpfe, fußballspezifische Entscheidungen und Torschüsse für jede*n Spieler*in und haben damit eine hohe Wichtigkeit für den Trainingsprozess. Das Angebot solcher Inhalte führt dazu, dass diejenigen, die nicht nur zwei, sondern drei, vier oder fünf solcher Einheiten pro Woche absolvieren, besser werden.

Ganzheitlichkeit

Der Spielbeschleuniger ist ein Baustein der zu entwickelnden individuellen Qualität. Damit wird ein offensiver Schwerpunkt gesetzt. Dennoch wird auch die Defensive verbessert, da es gleichzeitig darum geht, spielbeschleunigende Aktionen zu unterbinden beziehungsweise sich in der Folge ergebende Situationen zu verteidigen. Das Trainingsziel, die ganzheitliche Ausbildung von Spieler*innen auf jeder Position, wird so erreicht.

Im Sinne der Ganzheitlichkeit fordert das Agieren in Spielformen die Akteur*innen auf verschiedenen Ebenen:

  • Technisch
    Die Spieler*innen müssen verschiedene Techniken unter Druck anwenden.

  • Koordinativ
    Die Spieler*innen müssen sich gleichzeitig orientieren, um Optionen zur Lösung verschiedener Situationen zu erkennen.

  • Körperlich
    Die Spieler*innen müssen über die gesamte Zeit in beide Spielrichtungen „powern“.

  • Kognitiv
    Die Spieler*innen müssen verschiedene Optionen erkennen und innerhalb kürzester Zeit die vielversprechendste auswählen.

  • Mental
    Die Spieler*innen müssen ständig „online“ sein, um keine Chance auf einen eigenen Angriff und keine Aktion des Gegners zu verpassen.

  • Sozial
    Die Spieler*innen müssen im Team kooperieren.
     

Pointierung

Der Spielbeschleuniger wird in Gleichzahl und mithilfe verschiedener Provokationsregeln trainiert. Im Sinne des Mehr-Felder-Prinzips wird parallel in zwei Kleingruppen gespielt, sodass niemand wartet und eine hohe Effektivität gewährleistet ist. Die Einheit bereitet so allen Teilnehmenden Freude, ist intensiv und sorgt für viele Wiederholungen.

Trainingsalltag

Die Pointierungen können leicht an den Trainingsalltag und die vorherrschenden Bedingungen angepasst werden. In den seltensten Fällen stehen für zwei Felder vier Großtore mit Torhüter*innen zur Verfügung. Mini-, Stangen- oder Dribbeltore, zu überquerende Linien oder die Regel des drehenden Angriffsrechts sind nur einige von zahlreichen Variationsmöglichkeiten, um dennoch in kleinen Spielformen mit passenden Pointierungen arbeiten zu können.

Coaching

Die Trainer*innen schaffen den Rahmen, in dem sich die Athletinnen verbessern können. Sie organisieren ein direktes Umschalten, indem der nächste Ball ins Spiel gebracht oder eine Shot Clock heruntergezählt wird.

Das Training selbst gehört den Athlet*innen. Im Sinne einer Erfahrungszentriertheit wird nichts vorgegeben, sondern die Spieler*innen probieren sich aus, machen Fehler, lernen daraus und erleben so, mit welchen Lösungen sie erfolgreich sein können. Die Trainer*innen begleiten sie dabei mit ihrer Stimme, bestärken positive Momente und ermutigen sie. Im Mittelpunkt steht das Spiel, und Ziel ist es, dessen Fluss aufrechtzuerhalten. Erreicht werden soll, dass alle gemeinsam angreifen und verteidigen.

Der Spielbeschleuniger

Ein Spielbeschleuniger beschleunigt das Spiel nicht immer von null auf 100. Er verändert aber immer dessen Rhythmus. Dies kann auch zunächst eine bewusste Verzögerung und in der Folge eine gezielte Temposteigerung sein. Er macht das Spiel aus verschiedenen Räumen heraus schneller, indem von überall angegriffen und der Gegner überrascht wird, um in Abschlusssituationen zu kommen.

Elemente zur Spielbeschleunigung

Es gibt vier Elemente, mit denen Spieler*innen eine Situation beschleunigen können: Ballkontrolle, Dribbling, Passspiel und Spiel ohne Ball. Jeder dieser vier Bereiche bietet mehrere Optionen, um auf verschiedene Situationen reagieren zu können.

  1. Eine Möglichkeit ist es, den*die Gegner*in zu locken und zu binden. Beispielsweise erhält der*die Außenverteidiger*in ein Zuspiel und stoppt den Ball. Mit der zweiten Ballberührung kann anschließend in Spielrichtung beschleunigt werden. Entscheidend ist dabei, mit dem ersten Kontakt spielfertig zu sein.

    Des Weiteren besteht die Option, zu fintieren. Dazu muss der*die Spieler*in mutig sein und den Überraschungsmoment nutzen. Er*sie nutzt eine Finte, um sein*ihr Gegenüber zu überwinden und in der Folge mit zwei schnellen Kontakten das Tempo zu erhöhen.

  2. Zur Tempoverschärfung bietet sich entweder ein raumgreifendes oder ein gegnerüberwindendes Dribbling an. Bei ersterem muss der*die Spieler*in den freien Raum erkennen und mutig in diesen hineindribbeln. Innerhalb von fünf Sekunden können so Distanzen von bis zu 40 Metern überbrückt werden.

    Zweiteres kommt zum Einsatz, um eine*n Gegner*in auszuschalten. Der sich dadurch ergebende Raum wird dann zur Beschleunigung genutzt, sodass die Verteidiger*innen nicht mehr eingreifen und nur noch hinterherlaufen können.

  3. Neben dem Direktspiel können auch weiträumige Pässe zum Auslösen von Dynamik genutzt werden. Der*die Spieler*in muss dazu als Erstes den ballfernen Raum erkennen und kann im Anschluss durch ein weiträumiges Zuspiel in diesen Dynamik auslösen. Bei präziser Ausführung hat dieses Miteinander-Spielen den Vorteil, dass Zweikämpfe vermieden werden.

    Des Weiteren können sowohl Pässe in den Block als auch in den Lauf das Spiel schneller machen. Letzterer versucht, die Bewegung zu treffen und so dafür zu sorgen, dass der*die Mitspieler*in schnell bleibt oder wird.

  4. Das richtige Verhalten auch ohne Ball ist entscheidend, um beispielsweise gruppentaktische Mittel wie das Spiel über den Dritten oder einen Doppelpass zur Spielbeschleunigung einsetzen zu können.

    Läufe ohne Ball können ebenfalls Dynamik auslösen. Dies kann der Weg in die Tiefe zur Vorbereitung eines Zuspiels in den Lauf (siehe oben) sein. Alternativ können dadurch Gegner*innen gebunden und Räume geöffnet werden, indem sie beispielsweise mit einer Auftaktbewegung getäuscht und gebunden werden und der frei gewordene Raum dann mit einem Rhythmuswechsel bespielt wird.

Situationen zur Spielbeschleunigung

Ziel einer Temposteigerung ist es immer, in eine Überzahlsituation zu gelangen. Im Training können dazu verschiedene Szenarien aufgegriffen werden. Das gegnerische Team kann auf engem oder großem Raum geordnet sein. Ersteres ist in der Praxis beispielsweise mit einem 4 gegen 4 auf kleinem Spielfeld abbildbar. Eine weitere Möglichkeit ist ein ungeordneter Gegner auf großem Raum, beispielsweise in einer Kontersituation. Entscheidend ist dabei jeweils nicht der Ausgang der Sequenz, sondern ausschließlich der Weg dahin, und ob es gelungen ist, das Tempo zu erhöhen oder nicht.

Um Dynamik auszulösen, ist es entscheidend, mutig zu sein, den*der Kontrahenten*in ständig zu bedrohen und den eigenen Vorteil zu suchen. Nach einem Foulspiel auf Höhe der Mittellinie kann das kurze Abschalten des*der Gegners*in beispielsweise durch ein schnelles Zuspiel in die Spitze ausgenutzt und auf einfache Weise eine gefährliche Torchance kreiert werden.

Training des Spielbeschleunigers

Im 9. DFB-Trainingsdialog wurde das Thema "Spielbeschleuniger" ebenfalls behandelt. Im Flipbook, das dir kostenlos zum Download zur Verfügung steht, findest du zahlreiche Trainingsformen, die direkt anwendbar sind.

9. DFB-Trainingsdialog

Das Flipbook zum 9. DFB-Trainingsdialog
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