Allgemeines

Ballverliebt? – Lasst sie dribbeln

Kreativität, Selbstvertrauen und Spielfreude: Warum das Dribbling im Kinderfußball der Schlüssel ist – und wie Trainer*innen die Begeisterung für den Ball richtig begleiten

Das Dribbling ist weit mehr als nur eine Technik – es ist der erste wichtige Schritt in die Fußballwelt. Wer den Ball am Fuß beherrscht, erlebt Selbstvertrauen, Kreativität und Spielfreude. Doch warum ist das Dribbling gerade im Kinderfußball so wichtig? Was bedeutet es für die Entwicklung junger Spieler*innen – und wie gelingt es, dabei nicht nur „Egos“, sondern auch Teamplayer*innen auszubilden? In der Fachzeitschrift Fußballtraining JUNIOR ordnen Damir Dugandzic und Danijela Bradfisch das Dribbling psychologisch und praxisnah ein und geben Empfehlungen, wie du deine Schützlinge nicht nur als Spieler*in, sondern auch als Menschen entwickeln kannst.

  1. • Seit 2018 Sportlicher Leiter des DFB-Talentförderprogramms

    • 2007–2018 Stützpunktkoordinator für den Badischen Fußballverband

    • Jahrgangsbester des 63. Fußball-Lehrer-Lehrgangs

  2. • Sportpsychologische Expertin (M. A.)

    • ausgebildete systemischer Coach

    • langjährige Basketball-Nachwuchstrainerin

DRIBBLING ALS BASIS

Kris van der Haegen, ehemaliger Direktor der Trainerausbildung und Nachwuchsarbeit im belgischen Fußballverband und jetziger Chef-Trainer-Ausbilder der UEFA, ist eine der bedeutendsten Stimmen beim Thema Ausbildungskonzepte junger Fußballer*innen. In seinen Vorträgen bringt es van der Haegen immer wieder auf den Punkt:

Dribbling ist die Mutter aller Fähigkeiten!
Kris van der Haegen

Für ihn ist das Dribbling nicht nur eine Technik, sondern die Grundlage für alles, was im Fußball möglich ist. In seinen leidenschaftlichen Vorträgen fordert er: „Let them dribble!“ Und ergänzt: Wenn ihr sie nicht dribbeln lasst, nehmt ihr den Kindern ihre Kreativität! Dahinter steckt mehr als nur der Wunsch nach spektakulären Einzelaktionen. Es geht um das Bestärken, mutig zu sein, Fehler machen zu dürfen und eigene Lösungen zu suchen.
Van der Haegen betont, dass Kinder im Dribbling lernen, Verantwortung zu übernehmen und im Spiel kreative Wege zu finden. Wer den Ball am Fuß beherrscht, entwickelt Selbstvertrauen – und genau daraus entstehen später Teamgeist und Spielintelligenz. In Belgien ist das Dribbling deshalb der erste große Baustein der Ausbildung, oder wie es Dribbling-Verfechter van der Haegen sagen würde: „Dribbling is the only thing they are able to do, and that’s the only thing they want to do!“ – Das Einzige, was Kinder in diesem Alter können und wollen, ist: Dribbeln! Erst wenn die Kinder Sicherheit und Freude am Ball entwickelt haben, rücken Passspiel, Kombinationen und später auch Positionsprofile in den Vordergrund.

Kris’ Take Home Message

Was bedeutet das für uns? Wer Kindern das Dribbling nimmt oder sie zu früh auf das Zusammenspiel festlegt, versagt ihnen die Chance, sich selbst zu entdecken. Kreativität entsteht nicht durch ständiges Korrigieren, sondern durch eigenes Ausprobieren und Erleben. Fehler sind kein Rückschritt, sondern ein wichtiger Teil des Lernprozesses. Lasst die Kinder dribbeln! Wer ihnen diese Freiheit gibt, legt das Fundament für kreative, selbstbewusste Spieler – und damit für erfolgreichen, modernen Fußball. Das Dribbling ist der Schlüssel, der die Tür zu allem Weiteren öffnet, und sollte stets der „First Skill“ sein.
Doch wie kann diese Begeisterung für das Dribbling im Trainingsalltag konkret gefördert werden? Welche Rolle spielen Trainer*innen, wenn es darum geht, Freiräume zu schaffen und Mut zu belohnen? Darauf gibt Damir Dugandzic praxisnahe Antworten – und zeigt, wie Trainer*innen die Entwicklung der Spieler*innen gezielt begleiten können.

RAHMEN SCHAFFEN, FREIRÄUME GEBEN

„Warum sollte ich etwas weggeben, das ich so sehr liebe?“ Das könnten die Worte eines jungen Florian Wirtz oder Jamal Musiala gewesen sein, wenn sie gefragt wurden: „Warum spielst du nicht ab?“

Ich & der Ball – das ist der Anfang jeder fußballerischen Reise, lange bevor Mit- und Gegenspieler*innen die nächsten Schritte der Entwicklung einläuten. Jede Ballberührung bietet die Chance, Neues auszuprobieren – Finten, Richtungswechsel, Tempovariationen. Fehler gehören auf diesem Weg dazu und sind wichtige Hinweisgeber für den nächsten Dribbelversuch. Wer heute scheitert, hat morgen eine Lösung mehr im Repertoire. Das raumgreifende Dribbling, die enge Ballführung, das Umkurven der Gegenspieler*in – all das sind Fertigkeiten, die technisch am schwersten zu erlernen sind. Gerade deswegen müssen sie zu Beginn der fußballerischen Lernreise im Vordergrund stehen und so häufig wie möglich ausprobiert werden. Auf diesem Fundament bauen die nächsten Etappenziele sinnvoll auf.

Die Verantwortung des Trainers

Welche Aufgabe haben wir als Trainer*in auf diesem Weg? Wie entwickeln wir Spieler*innen, ohne sie in ihrem Fortschreiten einzuschränken oder zu dogmatisch Inhalte vorzugeben? Wir schaffen Rahmenbedingungen für optimalen Lernerfolg und fördern die ganzheitliche Entwicklung. Wir kreieren und fördern Situationen in kleinen Spielen (1 gegen 1 oder 2 gegen 2), in denen Kinder am Gegner vorbei und Lösungen im direkten Duell suchen und finden müssen. Wir variieren Feldgrößen, Über- und Unterzahlszenarien, Torfunktionen und Spielregeln und schaffen immer wieder neue Herausforderungen. Wir belohnen Mut und feiern nicht nur das Tor oder den erfolgreichen Pass, sondern heben auch den Dribbelversuch positiv hervor.

Wir geben Freiheit und verzichten auf ein Coaching mit instruierender Dauerbeschallung. Kinder brauchen Freiraum, um eigene Entscheidungen zu treffen – und wir brauchen Geduld und Nachsicht, um diese Entscheidungen zu akzeptieren und auszuhalten.

  1. Lassen wir unsere Nachwuchsspieler*innen sich ausprobieren! Wir bauen Erlebniswelten, in denen sich Kinder selbst erfahren können. Technische Fertigkeiten wie das Dribbling sind kein Selbstzweck, sondern entscheidende Bausteine für die fußballerische und persönliche Entwicklung. Sie sind Lösungsinstrumente und erfahrbares Kompetenzerleben. Denn wer sich traut, an Gegenspieler*innen vorbeizugehen, eröffnet Räume und Chancen – und entwickelt Selbstbewusstsein, das auch außerhalb des Platzes wirkt.

    • „Ich, der Ball und mein Gegenspieler“

    • „Ich, der Ball, mein Gegenspieler und mein Mitspieler“

    • Ich als Mitspieler in der Nähe des Balles“ – so entwickelt sich das Spiel Schritt für Schritt weiter.

MIT DEM BALL WACHSEN – DRIBBLING & ENTWICKLUNG

Aber was steckt eigentlich hinter der Faszination Dribbling im Kindesalter? Wie wirkt sich das eigene Erleben am Ball auf die Entwicklung aus – und wie können wir Trainer*innen diese Begeisterung gezielt fördern? Dafür wirft Danijela Bradfisch einen entwicklungspsychologischen Blick auf das Dribbling. Noch bevor wir in die Thematik der Entwicklungspsychologie und Ich-Bezogenheit im Kindesalter einsteigen: Jedes Kind, das sich bewegen und an die frische Luft möchte, ist mir herzlich willkommen – als sportpsychologische Expertin, Trainerin und Mutter. Jedes Kind, das zum Fußballtraining kommt, bringt Gedanken, Wünsche oder sogar konkrete Ziele mit. Der Klassiker: „Ich möchte Profi werden – wie ...!“ Ein wunderbarer Traum! Doch für uns Erwachsene – ob Trainer*in oder Eltern – ist es zugleich eine Herausforderung, diese jungen Menschen auf ihrem Weg angemessen zu begleiten. Gerade im Alter von sechs bis zehn Jahren ist die Ich-Bezogenheit stark ausgeprägt – was einer ganz normalen kindlichen Entwicklung entspricht.

Wie die Kinder sind – und was sie brauchen

Biologisch betrachtet entwickeln sich in diesem Alter besonders schnell die motorischen Lernfähigkeiten (vor allem Koordination) und die Schnelligkeit. Beides sollte spielerisch gefördert werden. Psychologisch und pädagogisch ergeben sich weitere Herausforderungen, da Kinder einen starken Bewegungsdrang zeigen, ein hohes Nachahmungsbedürfnis haben, positive Ermutigung benötigen und meist nur eine begrenzte Konzentrationsspanne mitbringen.

Die Entwicklungsstufen

Zwar haben wir jetzt einen ersten Eindruck davon, was die Kinder mitbringen, dennoch lohnt sich ein genauerer Blick auf die Entwicklungsstufen unserer Jüngsten. Grundschulkinder haben sehr viel  kreatives Potenzial und zumeist ist der Umgang mit Autoritäten (Lehrern, Trainern, Eltern, Betreuern etc.) unproblematisch. Eine angepasste Kommunikation sollte zum Grundrepertoire des Coaches gehören. Das menschliche (und vor allem das kindliche) Gehirn lernt in Bildern. So ist die bildliche Sprache im Umgang mit jungen Fußballspielern immer eine sinnvolle Wahl. Du kannst beispielsweise Lernfortschritte deinen Schützlingen so erklären: Wenn die Kinder immer nur nachahmen und nachlaufen, dann werden sie immer auf der vorgegebenen Straße bleiben. Wenn sie einen neuen Weg betreten, ist das zu Beginn ein kleiner, unbekannter Trampelpfad, und man kommt nicht so schnell voran. Wenn man weiter diesen Weg geht, wird daraus ein erkennbarer Weg, ein Geh- oder Fahrradweg, vielleicht aber auch eine richtige Fahrbahn, eine Bundesstraße oder tatsächlich eine Autobahn. Jedes Mal, wenn die Straße etwas größer wird, ist das ein (Lern-)Fortschritt – vorausgesetzt, das Kind sucht sich anfangs seinen eigenen Weg.

Zu den schwierigsten Aufgaben eines Trainers gehört es, die Kinder frei spielen zu lassen, ohne einzugreifen oder Einfluss zu nehmen. Es ist jedoch das wertvollste Tool, um langfristig einen kompletten Spieler und Menschen auszubilden.
Danijela Bradfisch

SO LERNEN KINDER AM BESTEN

Je häufiger Bewegungen in unterschiedlichsten Variationen und Umgebungen ausprobiert und geübt werden, desto größer ist der Lernerfolg. Für Kinder ist das Dribbling deshalb etwas ganz Großes – es fördert gleichzeitig Technik, Kreativität, Wettbewerbsfähigkeit und vor allem die Selbstwirksamkeit. Kinder erleben, dass sie sich selbst fordern und fördern können. Das steigert das Selbstvertrauen – ein zentrales Ziel für Trainer*innen und Eltern. Der Weg dorthin ist individuell: Jedes Kind hat seine eigene Persönlichkeit und sammelt eigene Erfahrungen. Genau deshalb ist es so wichtig, dass Trainer*innen Vielfalt zulassen, Fehler erlauben und den Kindern die Möglichkeit geben, ihren eigenen Stil zu finden. Fehler gehören dabei unbedingt dazu. Es lohnt sich, bewusst Phasen ohne Vorgaben oder Anweisungen einzuplanen und auch einmal die „Coaching-Zone“ zu verlassen, also sich bewusst zu distanzieren und den Kindern ein Gefühl der Autonomie zu geben. Wer Kinder entscheiden lässt, gibt ihnen die Chance, langfristig selbstständige und resiliente Spieler*innen (und Menschen) zu werden. Nach dem Training hilft eine kurze Reflexion: Was ist heute besonders gelungen? Wo gibt es noch Möglichkeiten zur Verbesserung? So entwickeln Kinder ein Gefühl für ihre Stärken und lernen, mit Fehlern konstruktiv umzugehen.

Emotionen, Kommunikation und Bindung im Training

Emotionen spielen im Kinderfußball eine zentrale Rolle – nicht nur bei den Spieler*innen, sondern auch bei uns Trainer*innen. Jeder Mensch reagiert emotional individuell, und gerade Kinder können ihre Gefühle oft nicht klar benennen oder steuern. Deshalb ist es aus Sicht von Danijela Bradfisch umso wichtiger, im Training sensibel und empathisch zu agieren. Nicht selten fragt die Trainerin zu Beginn einer Einheit: „Wie geht es dir heute – auf einer Skala von 1 bis 10?“.

Im Alltag bedeutet das ...

... nicht alles muss kommentiert werden. Es ist wichtig, Kinder eigene Lösungen finden zu lassen und individuelle Stärken hervorzuheben. So entstehen Bindung und Vertrauen – und das Gefühl, wirklich gesehen zu werden. Kleine Rituale wie eine persönliche Begrü.ung oder ein gemeinsames Abschiedsritual helfen dabei, eine stabile Trainingsatmosphäre zu schaffen, in der sich alle wohlfühlen.

Nur wenn wir offen und ehrlich miteinander kommunizieren, kann Vertrauen wachsen – und das ist die Basis für jede positive Trainingsbeziehung. 
Danijela Bradfisch
  1. Dribbling bedeutet für Kinder weit mehr als Techniktraining: Es ist ein Weg, sich selbst zu entdecken, mutig zu sein und eigene Lösungen zu entwickeln. Wenn wir ihnen Freiräume geben, Fehler zulassen und sie mit Empathie begleiten, wachsen nicht nur ihre technischen Fähigkeiten, sondern vor allem ihr Selbstvertrauen, ihre Kreativität und ihre Freude am Fußball. Mein Ziel als Trainerin ist es, Kinder in ihrer Entwicklung ganzheitlich zu stärken – und sie dabei zu unterstützen, mit dem Ball, mit sich selbst und miteinander zu wachsen.

  2. ... stellt das Spielen in den Vordergrund

    ... ermöglicht Austoben, Wettbewerbe und viel Action

    ... sorgt für schnelle Wechsel zwischen Übungen und Spielformen

    ... passt die Technikvermittlung an die Körperverhältnisse der Kinder an

    ... wird durch kindgerechte = bildliche Sprache vermittelt

  3. ... durch eigenes Tun – nicht durch ständiges Korrigieren

    ... wenn alle ihren „eigenen“ Ball haben und gleichzeitig ausprobieren können, was ihnen Spaß macht

    ... in Spielformen, kleinen Wettbewerben, oder auch mit Musik oder verschiedenen Bällen

    ... wenn sie kreativ sein und eigene Lösungen finden dürfen